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Grenzerfahrungen – Der Fall der Mauer

Es ist alles gesagt

Ich wiederhole mich: Zum Mauerfall ist alles gesagt. Alle großen Worte stimmen. Kaum ein Ereignis in meinem jetzt fast 63jährigen Leben war zu Recht in mehr leuchtendes Pathos getaucht als dieses. Die Vereidigung Nelson Mandelas als Präsident wäre da noch zu nennen, auch der erste Sieg von Obama, doch bei Letzterem sind schon Abstriche zu machen. Mir ist als Kind gesagt worden, dass Indianer nicht weinen. Und ich fand Indianer toll. Am 9. November 1989 war ich kein Indianer.

Und jetzt wird´s endlich mal so richtig gefühlsduselig: Ihr da drüben in der „Zone“, für die wir, als ich Kind war, Kerzen in die Fenster stellten, denen wir Pakete schickten, die wir Brüder und Schwestern nannten, ohne euch wirklich zu kennen. Ihr da drüben, denen der Deutschlandfunk wöchentlich mehr als eine Sendung widmete, durch die ihr erfahren solltet, wie Politik wirklich geht und wo die wahre Demokratie zu Hause ist, die ihr immer nur von Paris träumen konntet, aber nicht hindurftet, die ihr in seltsamen Leukoplastbombern rumfuhrt, die bei Rainer Günzlers Autotest im ZDF bis zur Lächerlichkeit kläglich versagten und gleichwohl rekordverdächtige Lieferzeiten aufwiesen, die ihr verdammt noch mal keine Bananen hattet – zumindest selten, das müsst ihr zugeben – und dafür eine SED, die bei 14-jährigen schon nach bloßen vier Jahren vergessen war, ihr, ja ihr, ihr habt was Großartiges geleistet. Darauf könnt ihr wahrlich stolz sein!

Lenin wird das nicht eben deutschfreundliche Bonmot zugeschrieben, dass wir Deutsche, wenn es bei einer Revolution einen Bahnhof zu stürmen gilt, erst einmal ordnungsgemäß eine Bahnsteigkarte kaufen. Vergesst diesen Lenin – ihr habt es ohnehin getan – ihr habt ihn eines Besseren belehrt. Ihr habt eine Revolution gemacht. Ohne einen Schuss, ohne dass Bahnhöfe besetzt werden mussten. Ihr wart viele. Ihr hattet Angst, ich weiß das. Doch ihr seid trotzdem auf die Straße gegangen, wieder und immer wieder. Ihr habt Geschichte geschrieben – und ich bin dankbar, dass ich habe dabei sein können – wenngleich anfänglich nur via TV.

Über den Mauerfall ist alles gesagt. Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. So sprach der große Brecht. Ihr habt es nicht nur gesagt. Ihr habt es getan. Und nicht, weil Kaffeetrinken bei Kranzler so toll war, sondern für eure und – ja für unsere gemeinsame Freiheit. DANKE!

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