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Grenzerfahrungen – Der Fall der Mauer

„Sind Sie allein im Fahrzeug?“ – Über folgenreiche Versprecher und liegengelassene Bananen

Es ist drei Uhr nachts. Der Grenzübergang Helmstedt/Marienborn ist in gleißendes Flutlicht getaucht. Ich bin das einzige Auto. Der Grenzer mit der stets zu großen Mütze sitzt etwas erhöht, hat perfekten Überblick. Und er stellt diese unsäglich groteske Frage: Sind Sie allein im Fahrzeug?“ Bin ich, er sieht das. Wer jetzt das Naheliegende sagt, bekommt Probleme – „Sagen Sie mal, sind Sie blind?“ – oder „Ich schau mal eben.“ (begleitet vom demonstrativen Fummeln am Handschuhkasten.) Besser war da schon ein sachliches Ja. Und man kam unbehelligt durch.

Brandenburger Tor Unbehelligt ging´s nicht immer. Einmal war der Autor mit einem leeren Bus, plus Fahrer versteht sich, unterwegs nach Berlin-Schönefeld. Eine Reisegruppe aus Leningrad sollte dort landen. „Wohin fahren Sie, fragte der Grenzer. Bevor ich eingreifen konnte, sagte der ebenso leutselige wie politisch unbedarfte Fahrer das, was alle Wessis geantwortet hätten: Nach Ostberlin, Flughafen Schönefeld. Die Mienen gegenüber unter den zu großen Mützen wurden zu Granit. Fahren Sie da rechts ran. Wir warteten zwei Stunden. Der Fahrer fluchte und ich erklärte ihm, dass es Berlin Hauptstadt der DDR heiße. Die hammse doch nich alle, war die Ruhri-Reaktion. Hatte er Recht?

Mit dem LKW von Cham nach Berlin. (Der Autor verdiente früher studienbegleitend so sein Geld.) An der Grenze in Hof wurden die Papiere geprüft, die Zollplombe eingehend in Augenschein genommen, das Führerhaus gecheckt. Es zog sich wie immer. Doch es war berechenbar. Der Grenzübertritt nach Italien dagegen war seinerzeit Abenteuer. (Wer davon Genaueres wissen will, möge mich fragen.) Ich esse gern Bananen und hatte mir in Cham welche gekauft. Fahren Sie weiter. Sie halten den ganzen Verkehr auf. Dem sollte und durfte man nicht widersprechen. Also rauf auf den Bock und los. Sch… die Bananentüte liegt noch auf der Rampe. Egal. Nach 20 Kilometern überholt mich ein Wartburg der Polizei. Auf einem Parkplatz muss ich anhalten. Wie ich mich zum Sachverhalt der versuchten Bestechung von Staatsorganen der DDR einlassen wolle. Was? Bestechung? Wo? Durch was? – Die Bananen! – Auch hier war es opportun, nicht das Naheliegende zu sagen.

„Papi, was ist die SED?“

Vier Jahre nach 1990. Die DDR war Geschichte. Klein-Nora, die vorwitzig Humorvolle von weiter oben, ist jetzt 14. Bernhard hat keinen Wartburg mehr, sondern einen Opel Vectra. Sigrid ist niedergelassene Gynäkologin. Die Praxis läuft gut. Bernhard, Sportmediziner, hat´s nicht so gut getroffen. Sportmedizin ist „bei uns“ kein anerkannter Facharzt. Merke hier: Es war ein Beitritt, keine Wiedervereinigung. Er arbeitete am Institut für Körperkultur in Leipzig, einer der Goldmedaillenschmieden der untergegangenen DDR. Die hat verdammt gut funktioniert. Wer wie ich 1972 in München war, teilt die ebenso beklemmende wie resignierende Erfahrung, dass man die DDR-Fahne am mittleren Mast eigentlich besser hätte hängen lassen sollen, zumindest bei der Leichtathletik, beim Schwimmen der Frauen, bei den Kanuten. „Die“ gewannen sowieso alles. Nur unsere Gold-Heide, der Engel, hat am Schlusstag die schier überirdische, unschlagbare, realsozialistische Renate Stecher auf der Schlussgeraden der 4 x 100-Meter Staffel ausgestochen, um im Bild zu bleiben. (Und war so schnell wie nie zuvor und nie danach.) Doch das ist Insiderwissen. (Wer´s genau wissen will: Unser Landesgruppenvorsitzender ist u.a. ein wandelndes Leichtathletikstatistiklexikon.) Zurück zum Text: Wie gesagt, Kaderschmieden á la Leipzig waren megaout. Ergo: Sigrid brachte das Familieneinkommen nach Hause. Treffpunkt war Müllheim/Baden. Symbolisch stimmig im Haus Friede. Wir verbrachten da ein paar Tage Urlaub, die Leipziger waren auf der Durchreise nach Frankreich. Abends saßen wir beim Wein und räsonierten über Vergangenes und Neues. Bernhard sprach von der SED. Und da passierte es. Etwas, was man als Gnade der Zeitläufte deuten kann oder aber als allzu jähes Verschwinden der erst unlängst vergangenen Wirklichkeit. Klein-Nora, jetzt schon gar nicht mehr kleinkindlich, hatte zugehört und fragte: Papi, was ist die SED? Bernhard war so fassungslos wie seinerzeit Sigrid als schlichte Kartoffeln scheinbar zur Bückware geworden waren. Doch: Nora war angekommen im Gemeinsamen. Sie blickte nach vorn, nicht zurück. Sie war naturgemäß und altersbedingt keine Polit-Nostalgikerin, sondern ein gesamtdeutscher, falsch, ja megafalsch: Sie war einfach ein deutscher Teenager! Gibt´s was Schöneres?

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