Brandenburger Tor Kopie (1)

Verhandeln mit „Gefängniswärtern“ oder: Seien wir realistisch, denken wir das Unmögliche

Arno-KlareGedanken zur Deutschen Einheit von Arno Klare MdB

Es begann montags

Es begann an einem Montag. Für ein ordnungsliebendes Volk wie das unsrige passend und symbolisch. Das Kalenderblatt zeigte den 15.07.1963 und der (noch) amtierende Bundeskanzler Konrad Adenauer war auch irgendwie dabei, blieb aber Randfigur. Der Starnberger See glitzerte wahrscheinlich in der Julisonne glitzerte wie er das immer tut.

Festhalten kann man im Rückblick dreierlei. Erstens: Es war ein historischer Tag, denn dort in der Evangelischen Akademie in Tutzing am Montag, dem 15. Juli 1963, begann der Weg zur Deutschen Einheit. Zweitens: Dass es ein historischer Tag werden würde, konnte keiner der Akteure seinerzeit wissen. Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug stets erst in der Dämmerung, hat der große Hegel dazu demütig und ebenso richtig konstatiert. Drittens: Einer ahnte was. Genauer: Ihm schwante nichts Gutes. Es war der damalige stellvertretende Außenminister der DDR Otto Winzer. Stichwort Filzlatschen. Doch davon später mehr.

Die Formel und der Geist von Tutzing

Der Politische Club der Evangelischen Akademie Tutzing – beide gibt´s heute noch – hatte zu einer Tagung geladen. Brandt war eingeladen, Bahr auch. Adenauer schaute vorbei. Letzteres heute nur noch eine Randnotiz der Geschichte. Die Tagungsdramaturgie hatte eines nicht auf dem Zettel: Star der Politrunde an den Gestaden des Starnberger Sees sollte „Tricky Egon“ werden, damals Pressechef des Regierenden Bürgermeisters von Berlin und engster Berater. Brandts Rede ist lesenswert, doch sie wurde in den Hintergrund gedrängt durch die von Bahr. Er, Brandt, sei darüber ein wenig muffig gewesen, berichtete Bahr später. In der Rede ging es vor allem um eine Formulierung, die sich als Quintessenz ganz am Ende der Ausführungen findet:

„(…) eine Politik, die man auf die Formel bringen könnte: Wandel durch Annäherung. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Selbstbewusstsein genug haben können, um eine solche Politik ohne Illusionen zu verfolgen, die sich außerdem nahtlos in das westliche Konzept der Strategie des Frieden einpasst, denn sonst müssten wir auf Wunder warten, und das ist keine Politik.“

Bahr bettet die Formel, die zum Symbol und zum paradigmatischen Topos innovativer rationaler Außenpolitik avancierte, in einen damals nahezu tagesaktuellen weltpolitischen Kontext ein. Erst am 10. Juni 1963 hatte der US-Präsident John F. Kennedy seinen Besuch an der American University in Washington D.C. genutzt, um seinerseits einen außenpolitischen Paradigmenwechsel zu skizzieren.

„Wir sollten uns (…) auf eine praktischere Art von Frieden konzentrieren. Für diese Art von Frieden gibt es keine einfache Lösung, die allein zu Erfolg führt, keine großartige Zauberformel, die von einer oder zwei Großmächten angewandt werden könnte. (…) Lassen Sie uns daher unsere Differenzen nicht ignorieren, aber wir müssen uns auch auf unsere gemeinsamen Interessen konzentrieren und darauf, wie wir diese Differenzen überwinden können. (…) Sowohl die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten als auch die Sowjetunion und ihre Alliierten haben ein tiefes, auf Gegenseitigkeit beruhendes Interesse daran, dass ein gerechter und ehrlicher Frieden herrscht und dem Wettrüsten Einhalt geboten wird. (…) Wir müssen das Streben nach Frieden daher beharrlich in der Hoffnung fortsetzen, dass durch konstruktive Veränderungen im kommunistischen Block Lösungen möglich sein werden, die wir momentan noch für unrealistisch halten. Wir müssen unseren Angelegenheiten so nachgehen, dass es im Interesse der Kommunisten sein wird, einem echten Frieden zuzustimmen.“

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