Bärbel Bas

45. Jahrestag der Verleihung des Nobelpreises an Willy Brandt

Bärbel Bas

von Bärbel Bas MdB

Heute jährt sich die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt zum 45. Mal. Grund genug, seine Verdienste um den europäischen Frieden zu würdigen und eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. 

Im August 1943 schrieb Willy Brandt aus dem Exil in der schwedischen Zeitung „Trots allt“: „Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können“. In der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte, mitten im mörderischen Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs, blieb er hoffnungsvoll.

Seine Vision von einem friedlichen Europa prägte seine Regierungsarbeit als Bundeskanzler 1969-1974. Der Kniefall von Warschau am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes hatte ein Jahr zuvor die Entspannungspolitik eingeleitet, die später in den Ostverträgen münden sollte. Diese Politik des „Wandels durch Annäherung“ brachte Willy Brandt den Friedensnobelpreis ein.

Heute sieht die Welt anders aus. Syrien-Krieg, neue Nah-Ost-Konflikte, wachsende Ungleichheit, Aufstieg der Autokraten. Und auch der Ton wird wieder rauer. Die radikalen Populisten sind auf dem Vormarsch, im Internet genauso wie auf unseren Straßen. Diffuse Ängste und offener Hass schlagen immer öfter in Gewalt um. Wir müssen sehr wachsam sein, dass Faschismus nicht wieder salonfähig wird.

Wir Nachgeborenen kennen die Schrecken der Weltkriege nicht aus eigenem Erleben. Deshalb müssen wir uns immer wieder selbst mit der Tatsache konfrontieren, dass der Krieg in Europa viel zu lange selbstverständlich war und der Frieden nicht von allein kommt. Frieden und Freiheit, Demokratie und Sicherheit: Für diese Werte steht die Europäische Union und für diese Werte müssen wir alle immer wieder eintreten. Jeder Einzelne von uns, jeder an seinem Platz, jeden Tag aufs Neue.

Seit siebzig Jahren leben die Menschen in Europa im Frieden. Die Europäische Union ist das größte Friedensprojekt aller Zeiten. Und Europa muss wieder Vorbild werden. Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg, vor allem aber ist Frieden keine Selbstverständlichkeit. Nirgendwo.

Willy Brandts Verständnis von Diplomatie kam ohne großes Getöse aus. Stattdessen tastete er sich unermüdlich mit seiner „Politik der kleinen Schritte“ durch das Minenfeld des Kalten Krieges. Heute, wo jede diplomatische Glanzleistung der letzten Jahre, wie z.B. der Iran-Deal, mit dem sich drehenden Wind auf der Kippe steht, wirken die Errungenschaften von damals umso beeindruckender. Willy Brandt hätte gewiss darauf bestanden, sich den außen- wie innenpolitischen Gegnern zu stellen – und sich ihnen mit Vernunft und Respekt zu nähern.

Beim Vortrag von Willy Brandt zum Thema „Friedenspolitik in unserer Zeit“ in der Universität Oslo am 11. Dezember 1971 anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises sagte er: „Der Frieden ist so wenig wie die Freiheit ein Urzustand, den wir vorfinden: Wir müssen ihn machen, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Rund 18 Monate nach der Verleihung des Nobelpreises an Brandt trat der Grundlagenvertrag in Kraft. Ein weiteres Stück Frieden, das Willy Brandt gemacht hatte. Alles in seinem Sinne: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“.

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