Arno-Klare

Iron Curtain und einer großen Idee

Churchills Rede an die akademische Jugend vom 19. September 1946

Arno-Klarevon Arno Klare MdB

„A shadow has fallen upon the scenes“, hatte Churchill anderthalb Jahre vor seiner Zürcher Rede vor dem Westminster College in Fulton (Missouri, USA) gesagt. Dem hellen Licht des Sieges der Alliierten über die Macht der faschistischen Finsternis folge, so sein Befürchtung, abermals eine dunkle Zeit. Denn „from Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an iron curtain has descended across the Continent“. Iron Curtain, Eiserner Vorhang; gemeint war damit die klare Trennung zwischen Ost und West. In diesen Theaterbegriff fasste der Oppositionspolitiker Churchill – er musste im Juli 1945 dem Labour-Premier Attlee weichen – das, was sich in Europa nach dem Sieg der Alliierten ereignete. Er lieferte mit diesem Bild einer ganzen Generation die dominante politische Metapher, die den Ost-West-Konflikt, diesen Wahn zu zweit, trefflich beschrieb. Die Sowjetunion organisierte sich seinerzeit ein willfähriges Staatenvorfeld. Noch hatte dieser Iron Curtain nicht wirklich seine unmenschliche Mauer- und Stacheldrahtgestalt angenommen, zu spüren war er gleichwohl.

Schon in seiner Rede in Fulton verwies Churchill auf das, was jetzt zu tun sei: „The safety of the world (…) requires a new unity in Europe, from which no nation should permanently outcast“.

In der Zürcher Rede vom 19. September 1946 griff Churchill seine Analyse wieder auf. „Ich möchte heute über die Tragödie Europas zu ihnen sprechen“, leitete er seine Ansprache ein. Europa sei zwar der Ursprung fast aller Kulturen, Künste, philosophischen Lehren und Wissenschaften des Altertums und der Neuzeit, aber auch der Ort der teutonischen Nationalisten, die schreckliche Zerstörung über die Welt gebracht haben. Auch die unmittelbare Nachkriegszeit sei nicht durch das Licht der Hoffnung gekennzeichnet, sondern durch die Tatsache, dass „ungeheure Massen zitternder menschlicher Wesen gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte schauen.“ Und, hier greift er das Shadow-Bild aus Fulton auf, eine neue Gefahr, ein neuer Schrecken, eine neue Tyrannei tauche auf.

Dem setzt er Hoffnung entgegen. Es gebe ein Mittel „durch alle Zeit“. In nur wenigen Jahren könne dieses „vorzügliche Allheilmittel“ die Mehrheit der Menschen in Europa frei und glücklich machen. „Es ist die Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie, oder doch so viel davon, wie möglich ist. (…) Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten.“

Churchill spricht nicht von einem Novum, sondern von eine Neuschöpfung, hatte doch dem Völkerbund nach dem 1. Weltkrieg ebenfalls eine ähnliche Idee an der Wiege geklungen. Doch jetzt, so sah es der Ex-Premier (der auch noch einmal in No. 10 zurückkehren sollte), sei die Lage anders, dramatischer, die Erfahrungen bitterer, als seinerzeit nach dem 1. Weltkrieg. „Das Vorgehen ist einfach.“ Wir wissen heute, dass es eben dies nicht war. Grundlage der Friedensordnung müsse die Achse Bonn – Paris sein. Das sagte Churchill natürlich nicht wörtlich, denn die Bundesrepublik gab es noch gar nicht, geschweige denn den Regierungssitz Bonn. Doch er meinte das. Nur die enge Kooperation der beiden „Erbfeindenationen“ würde eine solide Basis für die Vereinigten Staaten von Europa sein können. Churchill hielt dies für unausweichlich: „Wenn Europa vor endlosem Elend und schließlich vor seinem Untergang bewahrt werden soll …“

Auf dem Weg von Zürich bis heute haben wir erlebt, dass die Achse – heute Berlin – Paris – in der Tat conditio sine qua non ist, aber auch nicht immer die volle Tragfähigkeit besitzt. Das heutige Europa ist jenseits des bipolaren Globus – der Westen gewann den Kalten Krieg – und angesichts einer Welt, die aus den Fugen ist, wie Frank-Walter Steinmeier vor einiger Zeit bitter treffend konstatierte, immer noch weit von der Idee Churchills von den Vereinigten Staaten von Europa entfernt. Die Zürcher Skizze ist noch unerfüllte Utopie. Umso wichtiger ist es, diese Idee, diese wahrlich große Utopie nicht für gescheitert zu erklären. Wird ein Traum, der nicht wahr wird, zur Lüge? Wohl kaum. Da halten wir es als „alte 68er“ (wie der Autor) mit dem Leitsatz, der seinerzeit an den Mauern der Sorbonne stand: „Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche.“ Die Idee Europas, die Einigkeit und Solidarität sind nach wie vor Bedingungen der Möglichkeit von Frieden und Wohlstand. Und „Ewropa – na obschtsch dom“, so formulierte es Michail Gorbatschow. Europa – unser gemeinsames Haus. Hatte nicht schon Churchill in Fulton davon gesprochen, dass auf Dauer keine Nation von der neuen Einheit Europas ausgeschlossen werden sollte?

Das Haus Europa braucht mutige Baumeister. Nörgler und schlaue Kritikaster hat es ohnehin schon mehr als genug.

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