Bärbel Bas

150 Jahre Gewerkschaft in Deutschland – wir gratulieren!

Baerbel_Basvon Bärbel Bas MdB

„Geehrte Arbeitsgenossen! Das Weihnachtsfest, das so viele Herzen mit Freuden erfüllt durch Geschenke der Liebe, hat auch uns, der Zigarrenarbeiter-Körperschaft, eine Gabe gebracht, eine Gabe der Liebe, der Brüderlichkeit. Diese Gabe ist die Organisation der Arbeit.“ 150 Jahre ist es her, dass diese frohe Kunde an die deutsche Arbeiterschaft ging.

Rund um Weihnachten 1865 trafen sich 17 Delegierte im Pantheon in Leipzig und gründeten den „Allgemeinen Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein“. Die erste zentral-organisierte Gewerkschaft in Deutschland und eine Vorläuferorganisation der NGG – was die NGG übrigens zur heute ältesten Gewerkschaft macht. Zu ihrem Vorsitzenden machte der Verein damals den Leipziger Zigarrenarbeiter Friedrich Wilhelm Fritzsche, der die starke gewerkschaftliche Organisation des Vereins bestimmte.

95.000 Beschäftigte arbeiteten Mitte des 19. Jahrhunderts in der Tabakindustrie – in den allermeisten Fällen unter katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Produktion von Zigarren erfolgte überwiegend in Heimarbeit. Eltern und Kinder arbeiteten in kleinen Arbeitsräumen, die meist zugleich Schlaf- und Wohnraum waren. Die Fabrikanten sparten sich die Kosten für Arbeitsräume, Heizung und Beleuchtung. So konnten sie die Heimarbeiter leicht gegeneinander ausspielen und die Löhne immer weiter drücken. Umso wichtiger, dass sich gegen alle Widerstände aus der Mitte der „Cigarrenarbeiter“ die erste Gewerkschaft erhob.

Gut zweieinhalb Jahre nach dem runden Geburtstag der Sozialdemokratie feiern wir 150 Jahre Gewerkschaften. Die Glückwünsche des damaligen DGB-Vorsitzenden Michael Sommer zum 150. Geburtstag der SPD können wir heute wieder aufgreifen: „Es gibt viele und bei weitem nicht nur historische Gemeinsamkeiten zwischen Gewerkschaften und der SPD. Seit dem Mannheimer Parteitag von 1906 wissen wir um unsere unterschiedlichen Aufgaben, aber beide als Teil einer Bewegung: der Arbeiterbewegung“.

In der Tat: Die SPD ist und bleibt DIE Partei der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Vieles konnten wir allein in den vergangenen zwei Jahren der Großen Koalition für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchsetzen: Mindestlohn, Frauenquote oder auch das umfangreiche Rentenpaket.

Das reicht uns aber noch lange nicht: Die Regelung der Leih- und Zeitarbeit ist unser nächstes großes Projekt für 2016 und die SPD-Bundesfraktion blickt mit ihrem „Projekt Zukunft“ auch auf die „Arbeits- und Lebensmodelle im Wandel“ der Gesellschaft von heute und morgen. Unsere Projektgruppe #NeueZeiten hat sich genau diesen Wandel zur Herausforderung gemacht: Die Anforderungen ändern sich immer schneller, die Digitalisierung sprengt klassische Arbeitszeitmodelle. Unsicherheiten und Dauerstress drohen. Die Projektgruppe will eine neue Balance beruflicher Flexibilität und Planbarkeit für Privatleben und Familie in einem breit-angelegten Dialog erarbeiten.

Friedrich Wilhelm Fritsche hätte sich übrigens bestimmt nicht träumen lassen, auf welche Errungenschaften Gewerkschaften und Sozialdemokratie einmal gemeinsam zurückblicken werden: Er musste schon als Neunjähriger bei der Cigarrenproduktion mit anpacken. Diese Zeiten sind glücklicher Weise in Deutschland längst Vergangenheit.

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