Wolfgang Hellmich

Der lange Weg nach Westen

Wolfgang Hellmichvon Wolfgang Hellmich MdB

Am 8. Mai 1945 schweigen erstmals seit Ausbruch des 2. Weltkriegs am 1. September 1939 die Waffen auf dem Kriegsschauplatz Europa. Die bedingungslose Kapitulation Nazi-Deutschlands im bislang verheerendsten Konflikt der Menschheitsgeschichte bedeutet gleichzeitig die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Beinah unüberschaubar scheint die Zahl der Werke aus Wissenschaft, Belletristik, Film, Fernsehen und Theater zu sein, die zu ergründen versucht, was letztlich jener Gräuel den Weg bereitete, und sich mit dem stellenweise etwas unspezifischen Begriff des „Zweiten Weltkrieges“ in das kollektive Gedächtnis der betroffenen Gesellschaften einbrannte. Unspezifisch deshalb, weil die Erinnerung an das, was der Zweite Weltkrieg war, sich von Nation zu Nation, mal mehr, mal weniger stark unterscheidet. In Frankreich etwa ist der Begriff wesentlich mit der Besetzung des Landes und der Einsetzung des Vichy-Regimes verknüpft – das Ende des Konfliktes gleichsam mit der Befreiung der Hauptstadt Paris durch westalliierte Truppen im August 1944. Für die damalige Sowjetunion und das heutige Russland war und ist der Zweite Weltkrieg im Kern der gegen sie geführte Vernichtungsfeldzug Nazi-Deutschlands im Rahmen der Operation Barbarossa, dem Schätzungen zufolge allein auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Sowohl in der Sowjetunion als auch im heutigen Russland, wird dem Krieg am 9. Mai nicht als dem Zweiten Weltkrieg, sondern als dem „Großen vaterländischen Krieg“ gedacht – ein Indiz dafür, wie fundamental und existenzbedrohend die Erfahrung jener Jahre war. Für die USA war der 8. Mai indes zwar ein entscheidender Etappensieg, der Krieg gegen das japanische Kaiserreich im Pazifik ging jedoch unvermindert weiter und endete erst mit dem Abwurf der bis heute einzigen, je im Krieg eingesetzten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945.

Die Phase der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai 1945 wird oftmals als „Stunde Null“ bezeichnet. Ein falscher Begriff, denn er verkennt die Situation der Menschen in Europa. Denn auch 1945 wurde an die Erfolge anderer Demokratien angeknüpft. Einerseits an die Tradition einer parlamentarischen Demokratie unter dem Banner ihrer historische Vorgänger, etwa der Frankfurter Nationalversammlung oder der Weimarer Republik. Andererseits will auch das Fortbestehen alter Eliten und das Verbleiben zahlloser Kadermitgliedern der NSDAP in Führungspositionen nicht ganz zum Begriff der „Stunde Null“ passen. Er trifft hingegen zu, wenn man ihn als Versuch einer Gesellschaft versteht, die eigene Schuld zunächst zu verdrängen. Der Holocaust und der Massenmord an Oppositionellen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern rückten erst 1963 mit dem Frankfurter Auschwitzprozess in das Bewusstsein der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit. Viele völkische und nationalistische Tendenzen, sowie ein allgemeines Schweigen zur Schuld am millionenfachen Leid wurden tatsächlich erst von der 68er-Bewegung so schonungslos thematisiert, dass sie im breiten gesellschaftlichen Diskurs ankamen.

Dennoch gibt es auch heute jene apologetischen, rechtsgerichteten Versuche, eine Erzählung zu etablieren, die mehr von deutschen Opfern, als von deutschen Tätern sprechen möchte. Natürlich bahnten sich die Verheerungen des Krieges am Ende ihren Weg auch in die deutsche Gesellschaft. Wie soll man über die Toten des Bombenangriffs auf Dresden sprechen, ohne den Überfall auf Polen zu erwähnen? Wie über die Vertreibung deutscher Minderheiten aus Polen und Tschechien ohne die Wehrmachtsstrategie der verbrannten Erde zu thematisieren. Auch für den Zweiten Weltkrieg gab es eine conditio sine qua non, eine notwendige Bedingung, und diese lag bei dem großen Teil der deutschen Gesellschaft, die bereit war den nationalistischen und rassistischen Wahn mitzutragen und bis ins Unaussprechliche zu steigern.

Das bedeutet gewiss nicht, dass jedweder Bezug auf dieses schwarze Kapitel nachvollziehbar ist. Wenn in heutigen Konflikten die deutsche Kriegsschuld als Totschlagargument bemüht wird, dann wirkt das befremdlich. Nie sollte deshalb aber die Forderung laut werden, man möge die Geschichte doch endlich hinter sich lassen. Auch wenn einzelne nicht davor zurückschrecken, die Ereignisse außerhalb ihres Kontextes zu instrumentalisieren, so wäre es doch fatal dabei zu ignorieren, dass die Erfahrungen des Krieges in den betroffenen Gesellschaften noch lebendig sind.

Die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges und die zermürbende Schuld Deutschlands waren weder das erste noch das letzte, gewiss aber das bedeutendste Stück eines Pfades, den der deutsche Historiker Heinrich August Winkler den „langen Weg nach Westen“ nannte. Es sind diese Erfahrungen, die das Wirken der Bundesrepublik im internationalen Völkerverbund prägen. Als Deutsche stehen wir in einer nicht vergehenden Schuld und unser politisches Handeln sollte auch davon bestimmt sein, diese Verpflichtung als Chance zu begreifen, als Auftrag, Verantwortung für eine friedliche Entwicklung der Völker zu übernehmen.

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