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Grenzerfahrungen – Der Fall der Mauer

Arno-Klarevon Arno Klare MdB

Zum Mauerfall ist alles gesagt. Mehr Ende war nie. Mehr Anfang auch nicht. Und ihm wohnte – wir sind ein Volk der Dichter und Denker – selbstredend ein Zauber inne. Hermann Hesses „Stufen“ passen eigentlich so gar nicht zur Wende. Egal. Hört sich gut an. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde. So einfach geht´s nun auch wieder nicht. Abschiede dauern bekanntlich länger, vor allem, wenn es historische sind. Auch Ankünfte zuweilen.

Zum Mauerfall ist alles gesagt. Und das aus berufenerem Munde als dem meinem. (Oder haben die lediglich die besseren Ghostwriter?) Im Angesicht der Glückstränengesichter an der Bornholmer Straße und anderswo saß der Autor dieser Zeilen 550 Kilometer weit weg vom Geschehen, starrte auf den Fernseher und ein Satz schoss ihm durch den Kopf. Gesagt auf ebenfalls nahezu mythisch verklärter historischer Bühne im September 1792: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Ob er´s, der Weimarer Dichterfürst, so gesagt hat, ist unter Philologen umstritten. Doch der Satz ist, zugegeben, verdammt gut.

Zum Mauerfall ist alles gesagt. Deshalb hier nur ein paar Erinnerungssplitter zur gesamtdeutschen Vergangenheit, höchst individuell, mitnichten wissenschaftlich. Am Abend des 9. November 1989 war ohnehin keinem nach Wissenschaft zumute. Die einen hatten große emotionsschwangere Gedanken, die anderen wollten bei Café Kranzler schlicht einen Kaffee. Gemeinschaftlich hatten wir Tränen in den Augen, Autor inklusive.

„Chips sind irgendwie auch Kartoffeln.“

„Bringt noch Kartoffeln mit“, ruft uns Sigrid im Hausflur hinterher. Leipzig im August 1990. Alles schon Hard-Currency-Land, einige gar im D-Mark-West-Rausch. So wohl auch der Gemüsehändler des Vertrauens. Es gibt alles von B wie Bananen, über K wie Kaki-Früchte bis Z wie Zitronen, nur Kartoffeln sind aus. Mein Freund Bernhard, Wendeaktivist und Montagsdemonstrant der ersten Stunde, Mitglied beim Neuen Forum, Teilnehmer an unzähligen runden Tischen, ist perplex. Murmelt etwas, was sich so anhört wie, das hätt es früher nicht gegeben, da wäre der Erich glatt selbst auf den LKW-Bock gestiegen. Nix zu machen. Ab in den Markt an der Ecke. Wir nehmen Nudeln und machen einen Salat, entscheidet Bernhard. Die Nudeln sind auch weg. Im Regal stehen dafür Tüten mit Chips. Irgendwie sind das doch auch Kartoffeln, Papi, witzelt die zehnjährige Nora. Aber als Bratkartoffeln nicht zu gebrauchen, gibt Bernhard zurück. In großen Zeiten schmeckt das Steak vom Grill auch ohne Bratkartoffeln. Die bunte Westwelt war eingezogen ins graue Leipzig, wo aus den Dächern der Häuser Birken wuchsen, die Tram unendlich langsam fuhr, weil die Gleise seit vier Jahrzehnten nicht erneuert waren. Die BRD-Fernsehwelt war Realität geworden in Gestalt von Werbetafeln, ein größerer Verfremdungseffekt ist kaum vorstellbar. Ist alles so schön bunt hier. Im Ganzen war es (noch) grau. Noch rollten die Trabis, tuckerten die Saporoschjes – Stalins letzte Rache am deutschen Volk – über das Vorkriegskopfsteinpflaster, noch gab´s die Grenze, ja sogar die DDR, deren Grenzer die zu großen Mützen lässig in den Nacken geschoben hatten und freundlich durchwinkten. Diese DDR, die der ewige Erich gefühlt ein halbes Jahrhundert repräsentierte und führte, früher in Anführungszeichen gesetzt oder schlicht umgangssprachlich Zone genannt, nicht der Erich, natürlich, sondern die „DDR“. Dieser zweite deutsche Staat, in den man doch bitteschön gehen solle, hatte man allzu linke Flausen im Kopf diesseits im BRD-Teil von Deutschland. „Geh doch nach drüben!“ lautete dann der „Ratschlag“ im Wortlaut. Das wollten allerdings nur ganz wenige. Vielleicht lag´s daran, dass der ewige Erich, wenn er die Lindenbergsche Rockerjacke anhatte, nein auch sonst und vor allem als er älter wurde, immer dann, wenn er von seinem Staat sprach, für alle hörbar „Deutschkratsche Replik“ (?) sagte, wenn er DDR meinte. Er nuschelte, der ewige Erich.

Sigrid konnte nicht fassen, dass es keine Kartoffeln gab. Wir brachten ihr zum Trost ein paar Kiwis mit. Geht doch.

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